Wenn Vergangenes wieder Gegenwart wird

Hildegard Nachum

Wenn Vergangenes wieder Gegenwart wird
Schwangerschaftsabbrüche und mögliche Retraumatisierungen bei Menschen mit Demenz


In guter Erinnerung ist mir ein Fortbildungsseminar in einem Seniorenheim geblieben. Das Thema lautete: „Retraumatisierungen bei Menschen mit Demenz“. Wenn die kognitiven Fähigkeiten schwächer werden, können Gefühle immer stärker in den Vordergrund treten. Belastende Erlebnisse, die lange verdrängt oder mithilfe kognitiver Strategien kontrolliert wurden, können tief im Inneren verborgen bleiben. Doch wenn diese Strategien im Verlauf einer Demenz nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen, können alte Gefühle erneut spürbar werden – manchmal mit großer Intensität.


Während dieses Seminars erzählte eine Teilnehmerin von einer Bewohnerin, die bei der Körperpflege plötzlich große Angst zeigte. Sie presste die Beine fest zusammen, wehrte die Hände der Pflegeperson ab und schrie. Für die Pflegenden war dieses Verhalten zunächst schwer verständlich. Die Bewohnerin konnte nicht erklären, was sie so sehr in Bedrängnis brachte.


Auf vorsichtiges Nachfragen bei der Tochter ließ sich eine mögliche Ursache für das ängstliche Verhalten der alten Frau erahnen. Ein Schwangerschaftsabbruch in jungen Jahren stand im Raum. Auch die Tochter wusste nichts Genaueres. Doch Andeutungen der Mutter und unbeantwortete Fragen zu ihren Jugendjahren ließen vermuten, dass sie über Jahrzehnte ein belastendes Geheimnis mit sich getragen hatte.


Was tatsächlich geschehen war, blieb ungewiss. War der Schwangerschaftsabbruch ihre eigene Entscheidung gewesen? Hatte jemand Druck auf sie ausgeübt? Unter welchen Bedingungen hatte der Eingriff stattgefunden? Hatte sie Schmerzen, Angst oder Hilflosigkeit erlebt? Und hatte es damals einen Menschen gegeben, mit dem sie darüber sprechen konnte?


Wir wissen es nicht. Und wir sollten uns vor voreiligen Interpretationen hüten. Es ist nicht wichtig, das Geheimnis aufzudecken, sondern diesen Menschen in seinem gegenwärtigen Erleben einfühlsam zu begleiten.


Validation ist eine Kommunikationsmethode und zugleich eine Grundhaltung. Sie unterstützt uns dabei, hochbetagte Menschen behutsam in jenen inneren Lebensräumen zu begleiten, in denen Geschichten, Gefühle und Erfahrungen weiterleben. Manche dieser Geschichten können nicht mehr in Worte gefasst werden. Sie zeigen sich möglicherweise in Blicken, Körperhaltungen, wiederkehrenden Bewegungen, in Angst, Abwehr oder scheinbar unverständlichen Äußerungen. Dabei geht es nicht darum, nachzuforschen oder Erinnerungen hervorzuholen. Es geht darum, wahrzunehmen, welche Gefühle im Augenblick vorhanden sind, und diesen Gefühlen Raum zu geben. Wir müssen die Geschichte hinter der Angst nicht kennen, um den Menschen in seiner emotionalen Wirklichkeit ernst nehmen und begleiten zu können.


Gerade bei der Ablehnung von Körperpflege oder bei Angst vor Berührungen im Intimbereich führen kognitive Fragen wie „Warum haben Sie Angst?“ oder „Was ist denn passiert?“ häufig nicht weiter. Die betroffene Person kann diese Fragen möglicherweise nicht mehr beantworten. Umso wichtiger ist es, ihr Schutz zu vermitteln, ihre Grenzen zu respektieren und behutsam Vertrauen aufzubauen.


Eine kurze validierende Frage wie „So schlimm?“ zeigt dem Menschen, dass sein Erleben wahrgenommen und ernst genommen wird. Auch eine in der Validation verankerte Berührung, beispielsweise die Freundberührung, kann Geborgenheit vermitteln und das Gefühl geben, mit der Angst nicht allein zu sein. Voraussetzung ist jedoch, dass die Berührung von der betroffenen Person angenommen wird. Zeigt sie Abwehr oder verstärkt sich ihre Angst, muss auch dieses Signal unbedingt respektiert werden.


Bei Frauen der heute älteren Generation kommt hinzu, dass Schwangerschaftsabbrüche lange Zeit verboten, gesellschaftlich geächtet oder nur unter schwierigen Bedingungen möglich waren. Über das Erlebte wurde häufig geschwiegen. Manche Frauen konnten sich weder ihrer Familie noch einer Freundin anvertrauen. Das Geheimnis musste über Jahrzehnte bewahrt werden. Möglicherweise kamen religiöse Schuldvorstellungen oder die Angst hinzu, verurteilt und ausgeschlossen zu werden.


Eine hilfreiche Technik aus der Validation ist der Einsatz vertrauter Musik. Ein bekanntes Schlaflied wie „Guten Abend, gute Nacht …“ kann Geborgenheit vermitteln und ein Gefühl von Sicherheit entstehen lassen. Waren Religion und Glaube wichtige Bestandteile im Leben der Person, kann auch ein vertrautes Gebet Halt geben. Entscheidend ist, dass die Musik oder das Gebet zur Biografie sowie zu den persönlichen Überzeugungen der betroffenen Person passen.

 


Der Körper kann sich erinnern


Menschen mit Demenz können häufig nicht mehr benennen, weshalb sie in einer bestimmten Situation Angst haben. Die zeitliche Zuordnung geht zunehmend verloren. Ein lange zurückliegendes Erlebnis wird nicht als Erinnerung erkannt, sondern kann sich wie eine gegenwärtige Bedrohung anfühlen. Das Gefühl sagt nicht: „Damals hatte ich Angst“, sondern: „Jetzt geschieht etwas Gefährliches.“


Eine betroffene Frau kann mit Abwehr, Erstarren, Schreien, Weinen oder Schlagen reagieren. Sie kann versuchen zu fliehen oder Sätze wiederholen wie: „Ich will das nicht“, „Nehmen Sie es weg!“, „Ich habe es nicht gewollt“ oder „Ich werde bestraft.“ Solche Äußerungen müssen ernst genommen werden, ohne sie sofort einer bestimmten Erfahrung zuzuordnen. Das Verhalten ist in diesem Augenblick nicht einfach ein „herausforderndes Verhalten“, sondern möglicherweise ein Schutzversuch. Der Mensch versucht, eine als bedrohlich empfundene Situation abzuwehren.

 


Sicherheit geben, statt nach Beweisen zu suchen


Für Pflegende und Angehörige bedeutet dies zunächst: innehalten. Eine Pflegehandlung darf und soll unterbrochen werden, wenn ein Mensch panisch reagiert. Ruhige Bewegungen, ein respektvoller Abstand und eine leise Stimme können helfen, wieder Sicherheit herzustellen. Validation bedeutet, die Gefühle eines Menschen wahrzunehmen und anzuerkennen. Wir müssen nicht wissen, was damals genau geschehen ist. Wir müssen auch nicht überprüfen, ob eine Erinnerung sachlich richtig ist. Entscheidend ist die emotionale Wirklichkeit dieses Augenblicks.

 


Gefühle brauchen einen geschützten Raum


Auch Jahrzehnte nach einem Schwangerschaftsabbruch können Trauer, Schuld, Scham, Wut oder Einsamkeit vorhanden sein. Vielleicht trauert eine Frau um ein nicht geborenes Kind. Vielleicht trauert sie um die junge Frau, die sie damals war und die keine Unterstützung erhielt. Vielleicht empfindet sie noch immer Wut darüber, dass andere über ihren Körper entschieden haben. Ebenso ist es möglich, dass sie ihre damalige Entscheidung weiterhin als richtig empfindet und vor allem unter der Verurteilung durch andere gelitten hat.


All diese Empfindungen dürfen nebeneinander bestehen. Die Aufgabe der Begleitung ist es nicht, moralisch zu urteilen oder vorschnell Trost zu spenden. Sätze wie „Das ist doch schon so lange her“, „Sie konnten damals nicht anders“ oder „Gott wird Ihnen vergeben“ können gut gemeint sein, aber das persönliche Erleben übergehen. Auch religiöse Deutungen sollten nur dann angeboten werden, wenn sie den Überzeugungen und Bedürfnissen der betroffenen Person entsprechen.


Validation bedeutet auch, genau hinzusehen und zu beobachten: Wann tritt die Angst auf? Welche Berührung, welches Wort oder welche Situation könnte sie ausgelöst haben? Was vermittelt Sicherheit? Wer genießt das Vertrauen der Person?
Wir werden nicht immer erfahren, welche Geschichte hinter einem Verhalten steht. Das müssen wir auch nicht. Entscheidend ist eine Haltung, die den Menschen in seiner emotionalen Wirklichkeit ernst nimmt.


Gefühle, die wahrgenommen und einfühlsam begleitet werden, können an Bedrohlichkeit verlieren. Gefühle, die ignoriert, korrigiert oder beschämt werden, können hingegen noch stärker werden. Deshalb braucht es keine bohrenden Fragen, sondern Sensibilität, Geduld und die Bereitschaft, mit dem Menschen auf Augenhöhe zu bleiben.


Naomi Feil, die Begründerin der Validation, sagte 2018 bei einem Workshop in Linz sinngemäß: „Validation bedeutet nicht, vor einem Menschen zu gehen und ihn in eine bestimmte Richtung zu ziehen. Sie bedeutet auch nicht, hinter ihm zu gehen und ihn in eine Richtung zu drängen. Validation bedeutet, mit ihm auf Augenhöhe zu gehen und das mit ihm zu teilen, was er mit uns teilen möchte – und nicht das, von dem wir glauben, dass er es mit uns teilen sollte“

 

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