Vorbei ist nicht vergessen

Mag. Martina Fink, Klinische Gesundheitspsychologin

 

Die Reaktionen nach einem durchgeführten Schwangerschaftsabbruch sind so vielfältig und individuell wie wir Menschen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Reaktionen in verschiedenen Formen früher oder später in jedem Fall eintreten.


Frauen spüren Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Enttäuschung und Leere, was sich bis hin zu körperlichen Symptomen und Beschwerdebildern entwickeln kann. Je später die Erscheinungsbilder auftreten, umso weniger können sie mit dem eigentlichen Auslöser in Verbindung gebracht werden.

 

Die Frage, wann der eigentliche Beginn des Lebens ist, beschäftigt Politik, Philosophie, Medizin bis hin zur Psychologie und ist seit jeher von religiösen Anschauungen, kulturellen und ethischen Werten geprägt.

 

Wenn sich trotz wertneutraler Haltung nach dem Schwangerschaftsabbruch Schuldgefühle einstellen, ist ein häufiges Argument: „Du lässt dir diese nur einreden“. Aber Schuldgefühle sind keine Reaktion auf ein Zuwiderhandeln gegen Regeln, die von Seiten einer kirchlichen Organisation oder der Gesellschaft aufgestellt werden. Sie sind eine natürliche Folge der Auseinandersetzung mit dem Leben an sich.

Das heißt, auch Menschen, die sich keiner Konfession zugehörig fühlen, müssen sich ganz persönlich mit der Frage auseinandersetzen, ob und wann sie einen Prozess beenden, in dem ein Kind zu wachsen beginnt. Sich dieser Tatsache zu stellen, dass man einen Lebensprozess beendet hat, ist oftmals der erste heilsame Schritt zum weiteren Umgang.
 
Je größer der Einfluss von außen war, um einen Abbruch durchführen zu lassen, umso schwieriger ist oftmals die nachfolgende Auseinandersetzung damit.
 
Es ist wichtig, den Zorn und die Enttäuschung über jene, die zu einem Abbruch beigetragen haben, zuzulassen. Allerdings muss man auch bereit sein, für sein Handeln selbst Verantwortung zu übernehmen. Sehr viele Frauen lassen die Gefühle der Trauer, des Verlustes, des Schmerzes und der Schuld nicht zu, da sie sich durch den Abbruch selbst in diese Situation gebracht haben, also „selber schuld“ sind.    Für diese Frauen ist es aber wichtig, sich diese Gefühle zu erlauben und Begleitung und Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um das Erlebte verarbeiten zu können.
 
Auch Kinder spüren, wenn ihre Mutter nach einem Abbruch traurig ist. Es ist wichtig, ihnen zu vermitteln, dass sie keine Schuld an der Trauer der Mutter tragen. Kinder können gut damit fertig werden, wenn man ihnen sagt, dass man ein Baby verloren hat und nun darüber traurig ist.
 
Gut trauern und Abschied nehmen kann im Miteinander oftmals besser gelingen. Da viele Frauen mit dem Verlust des Kindes allein sind und auch ihre Umwelt nichts davon weiß, können Vereine wie ZOE und Selbsthilfegruppen eine stützende Trauergemeinschaft  bieten.