Marianne Stummer, Hebamme

Erfahrungen einer Hebamme

von Marianne Stummer, Hebamme

 

Ich habe viele Jahre lang junge Frauen und  Familien in Freude und Leid begleiten dürfen  und bin nun im Ruhestand. Doch mein Herz  gehört noch immer den Schwangeren, den  Gebärenden und dem kleinen Wesen Mensch.  Ich möchte gerne einige Worte an jene Frauen  richten, die sich in einer sehr schwierigen Situation  befinden.

 

Horch in Dich hinein!  Eine ungewollte Schwangerschaft ist oftmals  ein großer Stress oder sogar ein  Schock. Nach der ersten Diagnose vom  Frauenarzt, nach den Worten „Sie sind  schwanger“ – was empfindet eine Frau in  diesem Augenblick? Es kann im Kopf eine  große Leere entstehen, ja fast ein Schwindel  aufkommen„Es ist doch nicht möglich, dass ich schwanger  bin!“ … „Jetzt ist einfach nicht der richtige  Zeitpunkt für ein Kind.“  Blitzschnell gehen einem Pläne und Wünsche  durch den Kopf. Der Schluss daraus ist:  „Nein, noch kein Kind.“ „Warum bin ich überhaupt  schwanger geworden, ich habe doch  ordentlich verhütet?“ Die Reaktion deiner  Umwelt: „Was, jetzt schon ein Kind?“ oder  „Schon wieder ein Kind? Was wird aus deinen  Plänen, deiner Karriere…?“ – Also, ein  Kind passt nicht ins Konzept.

 

Vielleicht bist  du mit deiner Situation ganz allein gelassen. Nun kommt der Gedanke zum ersten Mal:  ein Schwangerschaftsabbruch! Vorerst ist  es nur ein Gedanke: „Ja, ich habe das Recht  dazu, ich kann über meinen Körper selbst  verfügen.“ Ja, du darfst über deinen Körper  verfügen.

 

Aber bedenke: Das Kind in dir ist  ein eigenständiger Mensch. Mach dir auch  bewusst: Du hast auch eine Seele. Du denkst  vielleicht: „So viele machen einen Abbruch  und da ist auch alles in Ordnung.“ Bist du sicher,  dass alles in Ordnung ist?  Als Frau sei dir bewusst, es ist ganz alleine  DEINE Entscheidung, die du treffen musst.  Keiner kann dich zu einer Entscheidung  zwingen.  Ein jeder Mensch, eine jede Frau ist einzigartig.  Dein Körper, deine Gefühle, deine Seele,  dein Geist sind einzigartig. Auch Mutter zu  werden ist einzigartig.

 

Jedes Lebewesen hat  das Recht, auf dieser Welt zu sein. Es kommt  dir in den Sinn: „Ich trage ja schon einige Wochen neues Leben in mir.“  Horch in dich hinein! Öffne dein Herz und lass  deine Gefühle zu. Dein Bauch ist noch flach,  aber deine Brüste spannen schon etwas. Das Gefühl der Schwangerschaft darfst du erleben.  Du darfst teilhaben an einer ganz besonderen  Rolle der Frau. Du horchst in dich  hinein: Ja, mein Kind wächst in mir, ich kann  es schon im Ultraschall sehen – und es fühlt  sich geborgen. Lass auch deine liebevollen  Gefühle zu diesem Wesen zu. Ist nicht auch der Funke des Verteidigen-, des Beschützen-  Wollens vorhanden?  Du bist Teil des größten Wunders auf dieser  Welt. Du darfst mitwirken, darfst es erleben.

 

 Es ist eigentlich nur eine begrenzte Zeit, in  der du gebären darfst und kannst. Es ist eine  besondere Zeit in einem Frauenleben. Sei  dir deiner Schönheit und deines Wertes bewusst.  Du bist etwas ganz Besonderes! Es ist sicher eine Aufgabe mit viel Verantwortung,  die deinen vollen Einsatz erfordert und die  nicht immer leicht zu meistern ist. Aber denke  einmal, wie viel Glück es bedeutet, so ein  kleines Wesen ins Leben begleiten zu dürfen

 

Die Entscheidung :

Sei dir immer bewusst: Die Entscheidung  triffst letztlich du allein.  Und diese Entscheidung musst du in sehr  kurzer Zeit treffen. Mit der Abtreibungspille  ist die Zeit der Entscheidung noch kürzer  geworden. Bei aller Hilfe und Beratung, die  dir gegeben werden kann, bist du es, die  die Entscheidung treffen muss – diese Entscheidung  kann dir niemand abnehmen.  Es darf auch niemand für dich entscheiden,  nicht einmal dein Partner oder deine Familie  haben dieses Recht.

Trotz eines Kindes  kannst du deine Ausbildung noch beenden  oder deine Karrierepläne weiterverfolgen.  Vielleicht mit etwas Verzögerung. Aber was bedeuten einige Jahre früher oder später?  Wichtig ist, dass du gesund an Leib und Seele  dein Leben gestalten kannst. Du bist momentan  in einem Zustand der Blockade, die  fast nicht zu durchdringen ist. Du hast vielleicht  über deine Gefühle, über deinen Seelenzustand  mit deinem Partner oder deiner  Familie gesprochen, aber es kommt nicht DIE Antwort von ihnen, die dich erlösen könnte:  „Wir werden es mit dem Kind schon schaffen!“  So wächst die Unsicherheit, du bist in  deinen Gefühlen hin und her gerissen.

  

Es ist wieder einige Zeit vergangen. Zu guter Letzt tendierst du immer mehr zu einer Abtreibung.  In der achten Schwangerschaftswoche ist  das kleine Wesen in dir schon circa 4 cm  groß: Alles ist schon vorhanden, was ein fertiger  Mensch braucht.  Du hast erneut einen Termin bei deinem  Frauenarzt. Nach der Frage des Arztes: „Wie  geht es Ihnen?“, ist deine Antwort: „Ich bin  nicht eingestellt auf ein Kind“ oder „Ich will  keine Kinder mehr“. Zu diesem Zeitpunkt  meinst du, der Abbruch sei die einzige Lösung.  Deine Gefühle und Zweifel hast du vergraben.

 

Der Arzt fragt dich, ob du dir das  auch genau überlegt hast, ob du weißt, was  das für dein weiteres Leben bedeutet. Aber  du wartest jetzt nur auf seine Zustimmung  und sein Verständnis. Du willst über dich selbst verfügen. Bist du wirklich so sicher oder ist nicht doch ein Funke der Unsicherheit  in dir? Den Eingriff kann man nie wieder  rückgängig machen, er begleitet dich ein  ganzes Leben. Du möchtest jetzt nur alles  schnell erledigt haben, du willst den Schein  zur Abtreibung in der Hand haben. Der Arzt  wird dir erklären, ein Abbruch ist medizinisch  kein Problem, aber es können starke seelische  Probleme auftreten.  Horch in dich hinein und lass dich von Freunden,  deiner Familie oder Beratungsstellen  beraten (finanzielle Hilfen, Fortführung der  Ausbildung etc.).

 

 Der Arzt soll deine Vertrauensperson sein  – er will es sein. Öffne dein Herz, sei nicht  verschlossen, lass deine Gefühle, deine Unsicherheit  heraus. Du erwartest Verständnis –  das kannst du nur bekommen, wenn du dich  öffnest. Deine erste Anlaufstelle für Beratung  soll dein Frauenarzt sein. Weiters, wenn du noch unsicher bist, such eine Beratungsstelle  auf. Meist haben auch jene Krankenhäuser,  wo der Abbruch durchgeführt wird, eine Beratungsstelle.  Fühlst du dich in einer Beratungsstelle nicht  richtig verstanden, such eine andere auf.

 

Es gibt auch frei praktizierende Hebammen,  an die kannst du dich auch wenden. Jede  gute Hebamme wird bereit sein, mit dir zu  sprechen.  Du musst selbst alles für dich tun, es geht  um deine Zukunft, deine Gesundheit, dein  Leben.  Der Eingriff ist medizinisch kein Problem. Bist  du nicht ganz sicher, so springe noch vom  OP-Tisch und sage „NEIN“.

 

Bedenke, es gibt die Zeit danach... Prüfe dich  bis zur letzten Sekunde, ob du es wirklich  willst. Du entscheidest und nur DU!

 

 

Die Zeit danach ...

 

Du wachst aus der Narkose auf und denkst,  nun ist alles vorbei, ich habe es überstanden.  Dein Leben geht weiter – und doch ist während  der kurzen Zeit, als du unter Narkose  gestanden bist, alles anders geworden. In  deinem Leben hat sich etwas verändert.  Du hast Tropfen bekommen, die du noch  einige Tage nach dem Abbruch einnehmen  musst, damit sich deine Gebärmutter wieder  zusammenzieht. Die Gebärmutter, die schon  das kleine Bettchen für dein Kind war, es war  schon gut eingerichtet, das kleine Wesen, es  hat sich schon wohl gefühlt. In dir kommt  eine große Traurigkeit auf. Es geht dir nicht  gut, du fühlst dich niedergeschlagen, vielleicht  auch deprimiert. Dein Partner, deine  Familie und deine Freunde sind lieb zu dir,  sie meinen, nun sei alles überstanden und  du kannst an deinen Plänen weiterschmieden. Doch du fühlst keine Freude, keine Lust.

 

Du kannst über deine Traurigkeit nicht sprechen,  nicht einmal mit deinem Partner. Du stürzt dich bis zur vollen Erschöpfung in  die Arbeit, um deine Gefühle zu betäuben,  doch deine Traurigkeit wächst – es kommen  die ersten Schuldgefühle. Schlafstörungen  treten auf, die Gedanken kreisen immer um  einen Punkt. Du verschließt dich. Deiner Familie,  deinen Freunden und deinem Partner  gegenüber willst du dich so zeigen, wie sie  es erwarten. Du versuchst eine Zeit lang alles  zu überspielen, bis du mit deinem Seelenzustand  am Ende bist. Die Sexualität leidet, du findest keine Freude mehr daran, immer  wieder hast du neue Ausflüchte. Du gerätst  in Isolation, deine Beziehung zum Partner  kommt in eine große Krise, die sogar das  Ende eurer Beziehung sein kann.

 

Du machst  dir Vorwürfe, du machst insgeheim deinem  Partner Vorwürfe.  Du machst allen Vorwürfe, weil dir niemand  gesagt hat, wie schwer es nachher ist.  Deine Seele blutet. Außenstehende meinen  nur, du bist etwas eigenartig geworden.  Niemand kann sonst erkennen, was du alles  durchstehen musst. Deine Seele schreit nach  Hilfe.  Du hast diesen Schritt gemacht, nun hast du auch die Verantwortung und Pflicht dir gegenüber,  dass du kompetente Hilfe suchst.  Kein Mensch wird dich verurteilen, weil du  nun in dieser Krise steckst.

 

Alles, was ich hier niedergeschrieben habe,  kommt von Frauen, die ich betreut habe, die selbst in schwersten Krisen waren. Ich habe  bewusst keine persönlichen Schicksale angeführt,  denn ich hätte das als Vertrauensbruch  empfunden. Ich kenne auch Frauen, die sich  in sehr schwierigen Situationen gegen einen  Abbruch entschieden haben. Und so durfte ich  auch das Glück und die Freude über das Kind  mit diesen Frauen erleben.