Brief an Nadine

Auszug aus dem Tagebuch von Karin Lamplmair

 

 

von Karin Lamplmair, Autorin von "Ich nannte sie Nadine" sowie Gründerin der ARGE "Spuren im Leben":

 

Neun Monate und sechs Tage, nachdem ich  DICH, mein Kind, auf die für mich schlimmste Weise verloren habe, jetzt erst hast DU endlich einen Namen bekommen. 

 

Da wir ja verhütet haben – mit einer Spirale  – hättest DU uns nicht passieren dürfen. Der  Kinderwunsch war abgeschlossen. „… außer  es passiert“, war immer meine Antwort auf  solch eine Frage. Daran hätte ich festhalten sollen! Wenn ich mit Renate, meiner Freundin,  darüber gesprochen hätte, wäre ich den  für mich wahren Weg gegangen. Sie kennt  mich mein halbes Leben lang und sagte, als  ich ihr von meinem Schwangerschaftsabbruch  erzählte: „Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?

 

Das warst nicht du!“ Das  stimmt, und ich konnte mir auch nicht vorstellen,  dass ICH das war! KEINER – bis auf  deinen Vater – hat sich für DEIN Leben eingesetzt.  „Fahren wir noch auf Urlaub“, meinte er, denn im nächsten Jahr, wenn DU bei uns  wärst, ginge es nicht mehr so einfach. Und  als ich von Abtreibung sprach, meinte er:  „Und was ist, wenn Patrick oder Sandra etwas zustößt?“ Meine Antwort darauf war: „Patrick  und Sandra kann niemand ersetzen.“ Das ist  auch richtig! Leider war ich zu „blind“ und zu  verschlossen, um zu erkennen, dass DICH  auch niemand ersetzen kann. 

 

Hätte mich jemand gefragt, ob ich mir ein  Leben ohne PATRICK und ohne SANDRA vorstellen  kann, hätte es nur ein klares NEIN als  Antwort gegeben. Sie sind ein Teil von uns  und unserem Leben – auch DU! Darum ist ein Leben ohne DICH so furchtbar schwer. Ich  glaubte lang, auch damals gestorben zu sein, als DU es bist, nur halte ich viel mehr aus als  DU. Lange war ich nicht mehr fähig zu leben. Nichts und niemand konnte mir noch Freude  bereiten. Meine Negativität traf alles, und ich  wünschte mir, nicht mehr zu leben.  Ich war geschwächt, weil ich nicht mehr richtig  schlafen konnte. Ich wusste genau, ich hatte  die Grenzen meiner natürlichen Ruhephasen  überschritten, und durch diesen lange anhaltenden Schlafentzug wurde auch mein Herz stark belastet. Und bevor mein Herz auslässt  und ich nicht mehr aufwache – das wollte ich  Patrick und Sandra nicht antun – wäre ein vorgetäuschter  Autounfall die beste „Lösung“ für  alle, war damals meine Meinung. 

 

Und die Wahrheit erfahren, warum, sollte  keiner! Doch alle, die danach die Wahrheit  erfuhren, sagten, sie mögen mich trotz allem  genauso; es half mir aber nichts. Ich konnte  mich selbst nicht mehr akzeptieren.  Ich wollte davonlaufen – aber vor sich selbst  davonlaufen geht leider nicht!

 

Jetzt bin ich  froh, sagen zu können: Ich mag mich wieder  und ich bin es wert auf dieser Welt zu sein!  Auch bin ich dankbar für mein Leben, ich  schätze und achte es jetzt wieder sehr, denn  ich weiß, es ist unser größtes Geschenk.  Klar, man muss sich selbst helfen, aber ohne  all die lieben Menschen, die ich kenne und  in meiner schwersten Zeit kennen gelernt  habe, würde ich nicht das Gefühl einer „gewissen  Sicherheit“ haben. Auch wenn ich  nicht die Sicherheit für mein Leben habe, bin  ich dankbar für alle, die hinter mir stehen.  Ehrlich kann ich allen sagen:  ICH WILL! Und ich freue mich über jeden neuen  Tag.  Wenn ich zuvor dachte: „Was macht es schon,  eine Woche mehr oder weniger zu leben“, so  kann ich jetzt sagen: JEDE MINUTE länger zu  leben ist kostbar! Vielleicht hat mir das passieren  müssen, oder war es mir bestimmt, damit  ich aus eigenem Erleben mithelfe zur besseren  Aufklärung über die seelischen Probleme,  die sich aus so einer Situation ergeben können.  Denn ich weiß, ganz viele Frauen leiden darunter, nur zu wenige sprechen darüber.  Jetzt, wo ich das schreibe, kommt Sandra  herein und sieht den kleinen goldenen Fotorahmen  mit den Rosen darauf und meint:  „Der ist ja ganz neu, aber da ist kein Foto  drinnen.“ Leider! – Und es wird auch nie eines  drinnen sein, nur in Gedanken – denn es  ist DEIN Fotorahmen. Aber DU hast einen Namen,  der zu DIR passt: Nadine.  Eine Freundin erzählte, dieser Name bedeutet  Hoffnung. Die Hoffnung, dass es nie wieder  ein gebrochenes Herz gibt auf dieser Welt!  Vielleicht hast DU wirklich nur diese zwölf  Wochen zum Leben gebraucht, aber DU  weißt auch, ich würde alles geben – für DICH!  Auch wenn aus all dem Schrecklichen doch  noch etwas Positives geworden ist; für DICH,  für mich, und für unsere Familie hätte ich mir  eine andere Geschichte gewünscht …  „… aber da ist kein Foto drinnen.“  Leider! – Und es wird auch nie eines drinnen  sein; nur in Gedanken – denn es ist  DEIN Fotorahmen. Aber DU hast einen  Namen, der zu DIR passt: Nadine. 

 Jetzt, wo ich das schreibe, kommt Sandra  herein und sieht den kleinen goldenen Fotorahmen  mit den Rosen darauf und meint:  „Der ist ja ganz neu, aber da ist kein Foto  drinnen.“ Leider! – Und es wird auch nie eines  drinnen sein, nur in Gedanken – denn es  ist DEIN Fotorahmen. Aber DU hast einen Namen,  der zu DIR passt: Nadine.  Eine Freundin erzählte, dieser Name bedeutet  Hoffnung. Die Hoffnung, dass es nie wieder  ein gebrochenes Herz gibt auf dieser Welt!  Vielleicht hast DU wirklich nur diese zwölf  Wochen zum Leben gebraucht, aber DU  weißt auch, ich würde alles geben – für DICH!  Auch wenn aus all dem Schrecklichen doch  noch etwas Positives geworden ist; für DICH,  für mich, und für unsere Familie hätte ich mir  eine andere Geschichte gewünscht … „… aber da ist kein Foto drinnen.“  Leider! – Und es wird auch nie eines drinnen  sein; nur in Gedanken – denn es ist  DEIN Fotorahmen. Aber DU hast einen  Namen, der zu DIR passt: Nadine.