So kann wieder Neues entstehen

Mag. Christa Renoldner, Psychotherapeutin

 
Meist wird nach einer Abtreibung nicht mehr über das verlorene Kind gesprochen. Man redet mit niemandem darüber. Aber auch ein Kind, das abgetrieben wurde, ist ein gestorbenes Kind. Viele dieser Kinder werden nicht betrauert, die Eltern verarbeiten ihre Trauer nicht. Viele Frauen, die abgetrieben haben, und Männer, die ihre Frauen dazu gedrängt haben, leiden unter großen Schuldgefühlen. Viele Frauen versagen es sich nach einer Abtreibung selbst, nochmals ein Kind zu bekommen. Ich habe eine Patientin erlebt, die zu Beginn der Wechseljahre in eine schwere depressive Krise geraten ist. Sie hatte in ihrer Jugend ein Kind abgetrieben und danach keines mehr bekommen. Sie klagte: „Hätte ich das Kind doch damals nicht abgetrieben, dann hätte ich jetzt zumindest eines.“ Depression ist eine häufige Folge von nicht verarbeiteter Trauer.

 

Oft ist es gar nicht einfach, eine frühere Abtreibung als Ursache einer schweren Depression herauszufinden. Meist sucht man nach Ereignissen oder Lebensumständen, die kürzer zurückliegen. Manche Frauen empfinden es auch als Bestrafung, wenn sie nach einer Abtreibung lange nicht schwanger werden oder ein Kind mit gesundheitlichen Problemen, zum Beispiel einer chronischen Krankheit, bekommen. Ich frage PatientInnen immer nach ihrem Familienstammbaum. In diesen trage ich auch tot geborene oder abgetriebene Kinder ein. So werden diese Kinder sichtbar und können auch betrauert werden. Häufig schlage ich den PatientInnen dann ein Abschiedsritual vor.

 

Sie können beispielsweise zum Familiengrab gehen und dort eine Kerze anzünden. Oder ich stelle einen kleinen Stuhl in der Praxis auf. Er symbolisiert das abgetriebene Kind. Zu ihm können die Eltern dann etwas sagen. Zum Beispiel: „Wir haben uns damals nicht hinausgesehen, wir haben es nicht besser gewusst, aber wir tragen die Folgen.“ Oder: „Wir haben es leichtfertig getan, das war nicht richtig. Aber jetzt nehmen wir dich wichtig und geben dir einen Platz in unserer Erinnerung.“ Verantwortung übernehmen für das, was nicht mehr zu ändern ist Wenn Paare die Verantwortung übernehmen für das, was nicht rückgängig zu machen ist, dann können sie wieder eine gute Liebesbeziehung führen.

 

Dann können sie zur Ruhe kommen und mit den dauernden gegenseitigen Vorwürfen aufhören, die für lange zerstrittene Paare typisch sind. Jeder soll den Teil der Verantwortung übernehmen, der ihm gebührt. Das kann bei Paaren gleich verteilt sein, aber es kann auch einer die größere Schuld tragen, wenn er den anderen überredet hat. Wenn jeder zu seinem Teil der Verantwortung steht, tritt ein tiefer Ernst ein. Dann sieht man auch ein, womit man den anderen verletzt hat. Dann kann wieder Frieden sein. Auf diesem Boden kann wieder etwas Neues wachsen. In manchen Situationen sind auch andere Menschen davon betroffen, Verantwortung zu übernehmen, wenn z. B. bei sehr jungen Müttern die Eltern oder „Schwiegereltern“, manchmal auch PädagogInnen oder BeraterInnen die junge Frau zu einer Abtreibung drängten, sodass es erscheinen könnte, als hätte sie gar keine andere Wahl gehabt.

  

Ganz abgesehen davon, wie man zur Abtreibung steht, Frauen leiden immer mehr, als man gemeinhin annimmt. Eine Haltung, die Abtreibende an sich und in jedem Fall ächtet, finde ich überheblich. So können nur Leute reden, die selbst nie in existenzieller Not waren. Wenn man jemandem keine Chance gibt, für die eigenen Taten selbst einzustehen, tut man so, als sei man selbst fehlerfrei und stehe über allen.