Mit der Vergangenheit versöhnen

Dr. Bernadette Rieder Theologin und Germanistin


Vermutlich befinden Sie sich gerade in einer Situation großer Ratlosigkeit, vielleicht Trauer, innerer Leere. Die Erleichterung, die Sie sich von Ihrem Schritt erwartet haben, bleibt aus.

 

Die Zeit vergeht nur langsam, es fehlt Ihnen die Lust am Leben. Wenn die Gegenwart freudlos erscheint, kann es helfen, in die Zukunft zu blicken: Hoffnung haben, neuen Mut und Vertrauen fassen, Visionen entwickeln, aktiv werden. Ein Rat, den in einer schwierigen Situation viele geben. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, in die Vergangenheit zu schauen. Erinnerung kann grausam sein, aber auch wohltuend. Verdrängen und vergessen, das hilft sicher nur für kurze Zeit. In der Erinnerung aber können wir uns mit der Vergangenheit versöhnen. Was war, kann zu einem Teil des Ganzen werden, so, dass es unser gegenwärtiges und zukünftiges Leben nicht endlos belastet. Es ist dann etwas, wovon wir wissen, das wir verstehen und bewahren wollen. Und genau das heißt erinnern.

 

Sich erinnern heißt wissen wollen. Wissen, was war, ermöglicht eine Vorstellung davon, was (wieder) sein kann. Das gilt für die dunklen und die hellen Kapitel unserer Geschichte. Wenn wir uns erinnern, müssen wir uns bemühen, aufrichtig zu uns selbst zu sein und möglichst alles in Erfahrung bringen, was zum eigenen Werden gehört. Dieses Wissen über unsere Vergangenheit hilft zu verstehen, warum alles geworden ist, wie es ist.

 

Sich erinnern heißt verstehen wollen. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Erinnerung verändert sich – je nach Laune und Situation kann dieselbe Sache sehr verschieden erinnert werden, ganz abgesehen davon, wie unterschiedlich mehrere Personen dieselbe Sache im Gedächtnis haben. Erinnerung ist nicht statisch, sondern dynamisch. Das Verstehen aus der Erinnerung ist keine mathematische Gleichung, sondern ein Prozess. Mit jeder Erinnerung kann ein bisschen mehr, anders oder besser verstanden werden.

 

Sich erinnern heißt bewahren wollen. Auch das Bewahren ist kein statischer Zug der Erinnerung. Es ist Warnung, Ermutigung, Trost, Trauer und Freude. Vorbei ist nicht vorbei. Das, was wir erlebt und getan haben und was uns widerfahren ist, bleibt Teil unseres Ichs. Erinnernd diese Erfahrungen zu bewahren gibt uns die Gewissheit, jemand zu sein und nicht ständig neu anfangen zu müssen. Das kann auch zur Belastung werden: Wenn traumatische Erlebnisse oder Schulderfahrungen nicht und nicht verschwinden wollen. Gerade hier kann aktive Erinnerung nützlich sein: Nicht wegschauen, sondern hinschauen. Nicht tun, als sei nichts gewesen, sondern der Sache das Gewicht lassen, das sie hat.

Versuchen die Zusammenhänge zu verstehen, und herausfinden, welche Erfahrung, welches Gefühl, welches Bild es wert ist, bewahrt zu werden. Schließlich: sich selbst vergeben.

 

Sich erinnern heißt aufarbeiten wollen. Wo gut gewirtschaftet wird, werden Materialreste nicht liegen gelassen oder weggeworfen, sondern aufgearbeitet. Wer im eigenen Leben positiv bilanzieren will, muss das mit den Teilen seiner Vergangenheit tun, die nicht in eine gute Zukunft gehören. Schuld aufarbeiten kann heißen, sich Wege der Wiedergutmachung zu suchen. Es kann heißen, Dinge zu tun, die das Gute, das verletzt wurde, erneuern und stärken. Aus der Erinnerung heraus kann die Motivation entstehen, etwas zu tun, das einen Ausgleich schafft, das Schuld begleicht, sodass unterm Strich wieder das Plus im Leben überwiegt. Man kann nichts ungeschehen machen, aber man kann die zerstörerischen Reste der Vergangenheit aufarbeiten, indem man ihnen lebensfördernde Aktivitäten entgegensetzt. Es ist gut, genau und umfassend wissen zu wollen, was war. Es ist wichtig für die Gestaltung des gegenwärtigen Lebens, verstehen zu wollen, wie alles gekommen ist. Es ist unverzichtbar für ein heiles, das heißt ganzes Ich, bewahren zu wollen, was dazu gehört. Es ist hilfreich, Gutes zu tun als Ausgleich für die Last, die man sich in der Vergangenheit aufgeladen hat. Erinnerung ist kein Steckenbleiben in der Vergangenheit, sondern der Boden, auf dem wir in eine gute Zukunft gehen.

 

Anregungen für zukunftsorientierte Erinnerung



 ██ um zu wissen: Sammeln Sie alle Dokumente Ihrer Erinnerung in einer Schachtel (z. B. Mutter-Kind- Pass, Ultraschallbild, Entlassungsschein der Klinik, ...) und machen Sie sich Notizen Ihrer Erinnerung. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man sich in einem reinigenden Ritual von diesen Dingen trennen. ██ um zu verstehen: Reden Sie mit anderen, teilen Sie Ihre Erinnerung mit, lassen Sie sich professionell (Psychotherapeutin, Selbsthilfegruppe, …) helfen. ██ um zu bewahren: Geben Sie dem verlorenen Kind einen Namen. Malen Sie ihm ein Bild, schreiben Sie ihm einen Brief, pflanzen Sie ihm einen Rosenstock. ██ um aufzuarbeiten: Tun Sie etwas, das Ihnen anfangs unbequem ist. Schenken Sie einem alten Menschen Zeit, um mit ihm Karten zu spielen, oder einer überanstrengten Mutter, indem Sie für sie mitkochen. Wenn Sie es sich emotional zutrauen, können Sie auch Ihre Hilfe als Babysitterin anbieten, um genau dem Ihre Kraft zu schenken, von dem Sie geglaubt hatten, dass es Ihre Kräfte übersteigt.