"Viele Männer leiden mehr als gemeinhin angenommen"

Ein Interview über Männer & Abtreibung mit Spezialisten und Betroffenen

 


„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass immer wieder Männer, die in meine Praxis kommen auch mit dem Thema einer Abtreibung konfrontiert sind“, so der Linzer Psychotherapeuten Robert Karbiner. Zwar kommen Männer in erster Linie in die Therapie, um Symptome wie etwa Burnout, Panikattacken, Probleme im Arbeitsalltag bzw. Beziehungsprobleme behandeln zu lassen und nicht vordergründig wegen eines Schwangerschaftsabbruches. Erst in der Anamnese (= Krankengeschichte) kommt dann zum Vorschein, dass noch ein Kind da gewesen wäre. „Das in unserer Kultur geschaffene männliche Bild „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ verhindert, dass Männer ihre tiefen Gefühle wie Schmerz und Trauer in Zusammenhang mit einem nicht geborenen Kind offen ausleben können. Vielmehr wollen sie ihre Partnerin, die eine Abtreibung hatte, unterstützen und nicht mit der eigenen Trauer noch zusätzlich belasten“, erklärt Karbiner. Diese Erfahrung bestätigt auch Markus Roentgen, Referent für Männerseelsorge, der ebenfalls die Erfahrung macht: „Kaum ein Mann kommt direkt mit diesem Thema in die Therapie. Erst im Rahmen einer Trennungs- und Scheidungsberatung, in Beratung, wo Männer berufliche wie persönliche Lebenskrisen in der Mitte ihres Lebens angehen oder in Seminaren, wenn der Rahmen für die Betroffenen stimmt, wird die Abtreibung völlig unerwartet zum Hauptthema.

 

Die Erfahrung einer abgebrochenen Vaterschaft, die Realität eines abgetriebenen Kindes kommt nach oben ins Wiederbewusstsein – ins Fühlen, in die Trauer, in Schuld- und Wutgefühle, je nachdem, wie es sich im Blick der Männer ereignet hat.“ So kann es laut Roentgen sein, dass Männer lange Zeit nichts von der Abtreibung ihres Kindes wussten, nicht in die Entscheidung einbezogen wurden oder aber die Entscheidung gegen das Kind gemeinsam mit der Partnerin trafen oder mitunter die Partnerin massiv unter Druck setzten, das Kind abtreiben zu lassen.

 

Große Hilflosigkeit macht sich hingegen breit, wenn der Partner keinerlei Möglichkeit hat und quasi hilflos zusehen muss, wenn sich die Partnerin nicht für das gemeinsame Kind entscheidet. Oft kommt eine abgebrochene Vaterschaft erst im Rahmen von Beratungen oder Seminaren wieder zu Bewusstsein; zunächst ein Nebenthema, wird sie schließlich zum Hauptthema.  Ein betroffener Mann, der sich sehr auf das Kind gefreut und dafür eingesetzt hatte, schrieb an die Arbeitsgemeinschaft „Spuren im Leben“ dazu Folgendes: „Viele Gedanken und Gefühle begleiteten mich lange Zeit: Selbstkritik, Hilflosigkeit, Situationsträume auch noch in der Jetztzeit, der Glaubensfaktor, die Frage, ob die Eizelle sofort nach der Befruchtung schon ein Lebewesen sei oder nicht. Die Liebe zur Partnerin ging, der Kontakt wurde immer weniger. Zurück blieben schwere Kratzer an der Seele, teilweise ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Wunder Mensch.“

 

Die Macht der Worte und der Umwelt:

 

„Auch der Einfluss von außen – unsere Umwelt – nimmt einen wesentlichen Stellenwert in der Entscheidungsfindung ein. So macht es für Männer wohl einen Unterschied, ob Freunde sie zur schnellen Entscheidung gegen das Kind motivieren, nach dem Motto ‚Schaff dir das vom Hals ...‘ oder ob sie ein ‚Gratuliere, du wirst Vater‘ aussprechen. Selten wird die Abtreibung von den Männern in ihre Biographie aufgenommen, sondern in erster Linie der Partnerin zugesprochen“, erklärt Roentgen. Wie bei den betroffenen Frauen gilt es auch hier, auf die eigenen Gefühle und weniger auf die Empfehlungen aus der Umwelt zu hören. Wir sind keine gefühlslosen Wesen und so ist es für Frauen und Männer sehr wichtig, die Gefühle bewusst wahrzunehmen und auszudrücken. Das kann im Familien- oder Freundeskreis und/oder in einer Therapie bzw. in einer Selbsthilfegruppe sein. „Egal wie die Konstellation der Familie ausschaut, es ist wichtig, dem abgetriebenen Kind einen Platz zu geben. Also es geht nicht nur darum, es zu verabschieden, sondern es in das Leben zu integrieren“, rät Robert Karbiner.